Böses, böses WoW
Dezember 29th, 2008 von
alex
Ich wollte mich eigentlich aus der immer währenden Diskussion um das MMORPG World of Warcraft und dessen Folgen und Eigenheiten raushalten. Durch die aktuelle Bekanntgabe der Anzahl der “spielenden” WoWler, nämlich über 11,5 Mio, kocht das Thema allerdings überall wieder hoch und nun will auch ich mal meinen Senf dazu geben.
Fakten:
1. Ja, WoW kann süchtig machen
2. Ja, WoW ist kein Spiel mit viel Anspruch
3. Ja, WoW hat seine Schattenseiten
4. Nein, WoW ist nichts Schlechtes
Ich selbst spiele WoW nun schon seit über drei Jahren. Ich habe über drei Charaktere auf Level 70 und höher. Ich war zu Anfangszeiten in großen Raidgruppen mit 40-Mann-Raids und haben zwischenzeitlich auch mal pausiert. Ich würde mich also als Spieler mit ausreichend Erfahrung bezeichnen, um zu dem Thema etwas sagen zu können was Hand und Fuß hat. So will ich hier mal auf einige der häufigsten Gründe “gegen” WoW eingehen:
1. WoW macht süchtig:
Diese Aussage kursiert am häufigsten und wird gerne von Laien als auch von der Fachpresse aufgegriffen um das Spiel und gleich dazu das gesamte Genre zu verteufeln.
Dass Blizzards Machwerk ein gewisses Suchtpotential besitzt steht ausser Frage. Sätze wie “Mein Sohn wird in der Schule immer schlechter” oder “Ein Bekannter hat seinen Job verloren” sorgen für laute Aufschreie. Würde man das Ganze aber mal etwas distanzierter betrachten, würde man feststellen, dass es nichts mit WoW selbst zu tun hat.
Woher kommt das Suchtpotential? Nun, das Spiel selbst ist denkbar einfach gehalten. Man erstellt sich ein virtuelles Alter-Ego, wählt Rasse und Klasse und findet sich nach einem kurzen Intro in seiner neuen Heimat wieder. Ab jetzt hat man nichts anderes zu tun also sich von freundlichen NPC (Non Player Characters) eine Reihe Aufgaben, sogenannter Quests, abzuholen und diese zu erfüllen. Am Anfang handelt es sich hauptsächlich um Botengänge und Herausforderungen wie “Bring mir 20 Wolfspelze”. Mit jeder erledigten Aufgabe, bekommt man Erfahrungspunkte. Ab einer gewissen Anzahl dieser Erfahrungspunkte, steigt der Spieler in der Stufe an, was gleichzeitg den Anstieg diverser Attribute (Stärke, Lebensenergie, Intelligenz, usw.) zur Folge hat. Mit steigender Stufe, gewinnt man ausserdem neue Fähigkeiten und Zauber dazu mit denen das Töten der virtuellen Widersacher immer leichter und effektreicher gestaltet.
Soweit das Spielprinzip im Groben. Die gesamte Spielmechanik stellt sich wesentlich aufwändiger und tiefgängiger dar. Darauf einzugehen würde den Umfang dieses Beitrags sprengen.
Wer sich mal kurz in den Ablauf reindenkt, bekommt schon mal eine ungefähre Ahnung von dem Ausmaß den das Ganze annehmen kann. Das allein macht aber aus WoW noch kein Suchtspiel. Eher die Tatsache, dass man nicht alleine auf weiter Flur kämpft sondern mit weiteren Spielern in Konkurrenz oder Freundschaft agiert ist der eigentliche Punkt. Man kann sich in kleinen Gruppen sammeln, um schwierigere Aufgaben zu lösen oder sich gar in sogenannten Gilden formieren um eine dauerhafte Gemeinschaft aufzubauen. Und hier fängt der Teufelskreis an. Hat man erst mal ein hohes Level erreicht, enden langsam aber sicher die leichten Aufgaben und man beschäftigt sich mehr und mehr mit Gruppenherausforderungen. Es gibt sogenannten Instanzen. Dies sind Bereiche in denen man keine fremden Spieler trifft. Man bewegt sich hier meist in abgeschlossenen Dungeons in denen man sich durch Monsterreihen kämpfen muss, um besonders mächtige Endgegner zu erlegen, welche dann auch in der Regel höherwertige Beute bei sich tragen die man ergattern kann. Diese “besseren” Gegenstände benötigt man, um noch größere Instanzen besuchen zu können, bis man sich letztendlich in der Königsklasse der Instanzen wieder findet. In den 25er Raids. Ein Raid ist ein großer Zusammenschluss ab 10 Spielern der gemeinsam ein Ziel verfolgt. Ziel ist es immer wieder, die größten und schwierigsten Endgegner zu erlegen um immer bessere und seltenere Gegenstände zu ergattern.
Man kann sich nun ziemlich schnell denken, dass für diese Beschäftigung ein nicht unerheblicher Zeitaufwand nötig ist. Man muss Gold sammeln, um seine Ausrüstung noch weiter zu verbessern oder sich mit Heil- und Verstärkungstränken einzudecken. Desweiteren sind die großen Raids derartig umfangreich ausgelegt, dass man einen Besuch in einer 25er Instanz nicht mal eben an einem Abend durchziehen kann. Teilweise dauert es zwei, drei oder gar vier Tage bis man vor dem Endboss steht.
Und jetzt kann man schon mal rechnen: Drei Abende die Woche für Instanzen. Ein bis zwei Abende zum Sammeln von Gold. Und schon ist die Woche voll und man hat keine Zeit mehr für Privatleben, Hobbies, Freunde, Schule oder gar Job.
Pausen einlegen ist gänzlich unmöglich. Einmal für ein bis zwei Wochen ausgesetzt, ist es richtig schwierig, wieder den Anschluss zu gewinnen. Man muss also dauerhaft dran bleiben. Und das schon, wenn man das Ganze amateurhaft betreibt.
Mittlerweile gibt es bereits Gilden, welche gesponsort werden um ihren Tätigkeiten nachzugehen. Nämlich Monster erlegen. Wer sich daraus etwas verspricht ist mir immer noch ein Rätsel, das soll hier aber nicht das Thema sein.
Wie komme ich also nun dazu zu behaupten, dass WoW nicht der Grund für die Sucht ist?
Ganz einfach. Die Spieler machen das alles freiwillig. Niemand wird dazu gezwungen. Wer sich durch virtuelle Erfolge definieren muss und dadurch alles andere in den Hintergrund stellt, hat meiner Meinung nach ein generelles Problem oder leidet an massivem Realitätsverlust, was ebenfalls ein generelles Problem darstellt.
Ich hatte wie gesagt auch schon eine Zeit in der ich sieben Tage die Woche gespielt habe. Es hat Spaß gemacht, klar. Aber es war nur Mittel zum Zweck. Ich wohnte alleine in einer fremden Stadt und hatte einfach nichts besseres zu tun.
Inzwischen bin ich mit meiner Frau zusammen gezogen, gehe nach wie vor meiner Arbeit nach, treffe Freunde und beschäftige mich mit meinen Hobbies.
Klar, erfolgreich bin ich im Spiel natürlich nicht mehr. Ich habe zu kämpfen, dass ich mal in Instanzen mitgenommen werde und über meine Ausrüstung lacht sich der Großteil der Spielerschaft schlapp. Aber es ist mir egal.
Normale Menschen, mit normalen Träumen und Zielen werden damit kein Problem haben. Wer im Leben erfolgreich ist, muss sich diesen Luxus nicht auch noch ein einem Spiel holen.
Bei Kindern ist das anders mag man vielleicht argumentieren. Das ist aber nur zum Teil richtig. Hier kommen allerdings viele verschiedene Aspekte zum Tragen. Sozialer und familiärer Hintergrund beispielsweise.
Unterm Strich bleibt aber auch hier der Fakt: Wer in stabilen Familienverhältnissen lebt, wird nicht gefährdet sein süchtig zu werden und im Gesamten, also im Großen und Ganzen betrachtet muss man sich folgendes eingestehen:
Wenn die Sucht nicht WoW heißen würde, könnte sie viele andere Namen tragen.
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